Am 20. April 2026 fand im Kipferhaus Hinterkappelen eine Lesung mit Andreas Neugebauer statt. Der Autor las aus seinem Buch «Aufrechtgehen» und sprach über seinen Lebensweg als ehemaliges Verdingkind.
Der Anlass wurde vom Seniorenverein in Zusammenarbeit mit der Bibliothek organisiert. Begrüsst wurden die Gäste von Franz Huber vom Seniorenverein und Sandra Krüger von der Bibliothek.

Eine harte Kindheit
Andreas Neugebauer schilderte seine frühen Lebensjahre.
Als Verdingkind erlebte er Gewalt, Einsamkeit und Vernachlässigung. Er erzählte von harter Arbeit im Stall, davon, dass er für Schäden selbst aufkommen musste, und von einer Kindheit ohne Geborgenheit. Besonders bewegend war seine Aussage, dass er sich als Kind oft selbst die Schuld gegeben habe. Ein Gefühl, das viele Verdingkinder teilen. Auch das gesellschaftliche Wegschauen habe dazu beigetragen, dass dieses System so lange bestehen konnte.
Erst 1981 wurde das Verdingwesen offiziell abgeschafft.

Überleben, Verdrängung und Verarbeitung
Neugebauer sprach davon, dass er seine Vergangenheit über 40 Jahre verdrängt habe. Erst später begann er, sich mit ihr auseinanderzusetzen, unter anderem durch das Schreiben seines Buches. Er machte deutlich, dass es Dinge gibt, die man nicht vollständig verarbeiten kann. Stattdessen gehe es darum, sie als Teil der eigenen Geschichte anzunehmen.
«Was bleibt, ist eine Narbe – und darauf bin ich stolz», sagte er.

Wendepunkte und Chancen
Trotz schwierigster Startbedingungen gelang es ihm, sein Leben neu zu gestalten.
Er lebte mehrere Jahre auf der Strasse, bevor sich ihm Chancen eröffneten. Er betonte die Bedeutung von Menschen, die an ihn glaubten:
«Ohne sie – und ohne eigene Träume – hätte ich es nicht geschafft.»
Sein Weg führte ihn schliesslich bis in eine Managementposition.
«Man kann im Leben scheitern, wenn man es versucht – aber man scheitert sicher, wenn man es gar nicht erst probiert.»
Gleichzeitig plädierte er für einen achtsamen Umgang miteinander und dafür, nicht wegzuschauen. Es gehe nicht um Schuldzuweisungen, sondern um das Erinnern und Lernen.

Botschaft an die nächste Generation
Neugebauer richtete sich besonders an junge Menschen: Es sei wichtig, die eigene Geschichte anzunehmen und sich nicht dafür zu schämen. Jeder Mensch habe die Möglichkeit, etwas aus seinem Leben zu machen, auch wenn die Ausgangslage schwierig ist.
Sein Fazit: Es gebe kein «100:0» im Leben. Ein Teil der Vergangenheit bleibe immer – aber man könne lernen, damit zu leben und die Zukunft aktiv zu gestalten.
Im Anschluss an die Lesung offerierte die Bibliothek Wohlen ein Zvieri.
